„Nicht entweder oder sondern sowohl als auch …“

Insbesondere wenn es um Wissen, Erfahrung, Er-Lernen ging, begnügte sich Ilse Grusch nicht mit dem Einen, sie war nie „fertig“. „Was in (m)einem Leben wichtig ist, werde ich Euch erst mitteilen, wenn ich endlich weiss, was ich werden will“, sagte sie gegenüber ihrem Herzensprojekt, der Zeitschrift akin – Aktuelle Informationen, in welcher sie auch regelmässig Beiträge veröffentlichte. Es gab für sie einfach so viel Interessantes, Spannendes, Wichtiges – bis zuletzt schloss sie nur Päpstin und Balletttänzerin für sich aus.
Unsere langjährige Mitstreiterin, Wegbegleiterin und Freundin ist am 13. Mai 2022 mit 75 Jahren gestorben.

Auch in sozialen Fragen konnte sie nicht genug bekommen: von ihrer Mutter, einer armen Häuslertochter, erfuhr sie, was Armut und Not ist, und von ihrem Vater, der als Jude und Kommunist von den Nazis vefolgt wurde, was Verfolgung und Widerstand bedeuten. So setzte sie sich auch immer für die Benachteiligten ein: waren es Frauen im Handel, wo vom „ehrbaren Kaufmannsberuf“ plötzlich nichts mehr zu bemerken war oder Migrant*innen, die einfach nur anderswo geboren waren – wie die meisten unserer Vorfahren. Es ist doch alles „wie bei uns, nur ganz anders …“

Nach ihrer Matura arbeitete Ilse Grusch bei der Länderbank, was ihr nach 4 ½ Jahren zu langweilig wurde und fand später als Buchhändlerin bei Kolisch einen Beruf, der zu ihr passte und den sie mit Leidenschaft ausfüllte. Gemäss ihrem Motto „Nicht entweder – oder …“ studierte sie ab 1988 zusätzlich Europäische Ethnologie und diplomierte mit einer Arbeit über das Volksstimmefest.

Seit ihrem Berufseintritt war Ilse Gewerkschaftsmitglied, von 2001 bis 2004 auch Betriebsrätin.

Auch, wenn sie sich nie auf die wichtigsten Ereignisse in ihrem Leben festlegen wollte – dazu war ihr einfach zu viel wertvoll -, gab es doch zumindest ein prägendes: Mit knappen 17 Jahren, als Chruschtschow 1964 abgesetzt wurde, ging sie mit ihrem Vater ins lokale KPÖ-Parteilokal, um eine Erklärung zu erhalten. Stattdessen hiess es: „Genossen, wir können darüber noch nicht diskutieren, wir haben noch keine Weisung aus dem Zentralkomitee.“ Alle zogen ihre Mäntel wieder an und gingen nach Hause.
So ist es auch wenig überraschend, dass eine Hinter-Fragende und ewig Lernende wie Ilse bei der GE-Gewerkschaftliche Einheit, der späteren AUGE/UG, als politische Heimat landete. Sie war eine von uns und hat die AUGE/UG mitgeprägt. Auch über ihr Erwerbsleben hinaus war sie da, feierte mit uns, diskutierte mit uns – viele der Jüngeren kennen sie von den Nicht-Weihnachtsfeiern, die sie manchmal auch mit selbstgemachter Handwerkskunst bereicherte.

Parkinson hatte sie seit Jahren fest im Griff, dem sie mit dem ihr eigenen Widerstandsgeist und ihrer Lebenslust begegnete und dessen Qual nun für sie vorüber ist.

Ilse, wir werden dich vermissen!
Klaudia Paiha

Die Verabschiedung von Ilse am 28.5.2022 soll in ihrem Sinne zu einem Fest in Rot werden. Es darf geweint, aber soll auch viel gelacht werden. Details dazu entnehmt bitte der gesonderten Einladung. Zur Einladung

Ilse 2019 bei der Ehrung am Dankefest der AUGE/UG

 

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